Wer baut hat mehr vom Leben (2)

Wir bauen ein Haus oder ganz genau: Wir lassen es bauen.


Nun war das das neue Haus im Rohbau fertig – mit vielen Kompromissen. Wir hatten zwar alles perfekt machen wollen, schafften es aber nicht wirklich. Aber wir gewannen mit dem Bau unseres Eigenheims eine wichtige Erkenntnis: Die Handwerker haben immer (!) eine völlig andere Vorstellung davon, was schön ist, was praktisch ist, was modern ist, was normal ist, oder was die Bauherrschaft sich vorstellte und wünschte.


Zum Beispiel der Plattenleger. Meine Frau, die sehr auf farbliche Nuancen achtet, fuhr zehnmal zum Lieferanten der Steinplatten. Sie stimmte die Farbtöne des Natursteins mit dem Chromstahl des Wasserhahns, den Mustern der Handtücher und den Farben der Augen unserer Enkelin ab. Die Natursteinplatten, für die wir uns entschieden, hatten eine extrem lange Lieferfrist...


Irgendwann meldete der Plattenleger, dass die Platten da seien. Er begann an einem Montagmorgen mit seiner Arbeit und wir freuten uns. «Mit diesen grossen Platten habe ich das Bad in drei, vier Tagen fertig», hatte er versprochen. Wir glaubten ihm nicht, hofften aber heimlich auf ein Wunder. Am Montagnachmittag rief mich meine Frau an. Ihre Stimme liess mich vermuten, das Haus sei eingestürzt. «Alles verkehrt», sagte sie der Verzweiflung nahe, «er hat die Platten im Bad vertikal statt horizontal verlegt – und zwar alle Platten! ES SIEHT SCHEISSE AUS!» Am Dienstag war Krisensitzung im Badezimmer. Zu seiner Verteidigung sagte der Handwerker: «Im letzten Bad, das ich gemacht habe, musste ich die Platten vertikal verlegen, und ich dachte, das sei normal.» Am Dienstagabend waren alle Platten wieder von den Wänden geklopft. «Bis Ende Woche ist Ihr Bad so, wie Sie es wollten, fertig», versprach der Plattenleger. Am Freitag gegen Mittag rief mich meine Frau an: «Du glaubst es nicht, das Bad wird erst in zwei Monaten fertig sein!» – «Wieso denn das?», fragte ich nach. «WEIL DER ARSCH VON EINEM PLATTENLEGER ZU WENIG PLATTEN BESTELLT HATTE!» Er habe sich wohl verrechnet, erklärte er, «Aber das ist kein Problem, Sie werden ein wunderschönes Badezimmer haben».


Damit der Sanitärinstallateur gewisse Installationen wie Dusche, Toilette und Badewanne montieren konnte, schlug der Plattenleger vor, dass er die fertigen Flächen schon mal ausfugen würde. Das freute uns, da wir davon ausgingen, dass das den gesamten Prozess beschleunigen würde.


Bis Mittwochnachmittag hielt die Freude dann rief meine Frau wieder an. «ALLES FALSCH!», brüllte sie ins Handy, «ich will das Haus nicht mehr!» Der Plattenleger hatte die hellgrauen Natursteinwände mit bräunlich-beigem Mörtel ausgefugt. «Scheusslich!», sagte meine Frau. – «Aber das ist doch auch schön», sagte der Plattenleger. – «Ist das Ihr Badezimmer, oder meines?!», fuhr sie den Handwerker an, «Sie können sich ja jeden Morgen hier duschen kommen, wenn’s Ihnen so gut gefällt!»



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